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Micha auf Heimatbesuch im Musical

Es ist ein regnerischer Abend im Januar. Wieder stehe ich vor einer wichtigen Entscheidung: Erliege ich auch heute der Versuchung, werfe mich auf die Couch und verbringe den Abend vor dem Fernseher oder raffe ich mich auf und teste das jüngste Familenmitglied der Hamburger Musical-Familie? Auch wenn die Couch mit nicht zu wiederlegenden Argumenten wirbt, gewinnt doch die Neugier. Also rein in den Friesennerz, Gummistiefel an die Füsse und los. Auf zum „Wunder von Bern“.

WvB_Icon_Visual_200x150mm.inddSchon die Anreise zum neuen Stage Theater an der Elbe ist ein ganz besonderes Erlebnis, ich besteige mit all den anderen Freunden der gepflegten Abendunterhaltung an den Landungsbrücken die Musicalshuttle-Fähre und lasse mich über die Elbe schippern. In Erinnernung an die Schlüsselszene aus Titanic eile ich aufs Außendeck, um mir den Wind um die Nase wehen zu lassen. Nach ersten Verwunderungen, warum ich weit und breit alleine hier draussen bin, wird es mir nach wenigen Metern klar. In dieser schmudeligen Winternacht fühlt man sich am Bug nicht wie Leonardo di Caprio, sondern wie ein Pinguin im Eiskanal. Doch nach wenigen Minuten legt der Kapitän zum Glück schon an der andern Elbseite an. Und ich kann, um in der Pinguin-Metapher zu bleiben, an Land watscheln.

An der Tür hält mir ein Portier in eleganter Uniform die Tür auf. Das Ganze ist sehr edel, ich fühle mich, als würde ich gleich im Hotel Atlantic einchecken. Er erklärt mir auch gleich, wie ich meinen Sitzplatz finde. Erst überlege ich, ob man mir wirklich nach über vier Jahren in Hamburg immer noch den kleinen Schweizer Jungen aus dem Dorf in den Bergen, in dem es mehr Kühe als Einwohner, ansieht. Aber da er die Wegbeschreibung auch allen andern gibt, gehört das sicherlich zum Service.

Nun schön brav in die Reihe gestellt, um das Ölzeug an der Garderobe abzugeben. Okay, ein bisschen drängeln ist mit dabei, ich will ja schliesslich noch an die Bar. Da kann ich mir endlich merken, das Radler in Hamburg Alster heisst, da erklärt mir der nette junge Mensch hinter dem Tresen, bei uns gibt´s nur Radler. Sehr Verwirrend! Also bestelle ich mir einen Sekt.

Nachdem mir klar wird, wie hier die Nummerierung der Plätze angelegt ist, ist es auch leicht, meinen Platz schon mal vorsorglich mit einem Handtuch (so hab ich das im Urlaub gelernt) zu besetzen, damit ich noch kurz „für kleine Schweizer“ kann. Zurück auf Platz 13 in Reihe 13, wenn das mal kein Glückplatz ist. Schon wird es dunkel im Saal. In den nächsten knapp drei Stunden werde ich im Sitz gefesselt, dies ist aber bitte nicht wortwörtlich zu nehmen. Überall bewegt sich etwas, es kommt von oben oder unten, von links und ab und an auch von rechts. Einige Songs verleiten mich zum leisen mitsingen, erst am Blick meines Sitznachbarn merke ich, dass es nicht leise genug war. Sogar die ein oder andere Träne macht sich auf den Weg über meine Wange.

Wer jetzt denkt, ich verate hier, um was es geht, wird an dieser Stelle leider enttäuscht. Aber als Trost: Tickets gibt’s an allen bekannten Vorverkaufsstellen und im Internet.

Es war so schön, dass ich wie in Trance den Saal verlasse und mache natürlich erstmal einen Purzelbaum auf der Treppe. Aber nix passiert – nur die anderen Gäste kurzzeitig erschreckt und erheitert. Im Foyer fühle ich mich wie im Cluburlaub am Büffet. Das Drängeln und Schubsen ist aber nicht dem Essen geschuldet, sondern vielmehr dem Umstand, dass jeder als Erster seinen Mantel möchte. Ich warte also – tänzelnd und singend im Foyer – bis nur noch meine gelb leuchtende Regenjacke auf seinen Besitzer wartet.

Auf der Rückfahrt setze ich mich in den Innenbereich der Fähre, ich bin ja lernfähig. Zuhause angekommen falle ich erschöpft auf die Couch und bin sehr froh, eben diese vor einigen Stunden verlassen zu haben. Und während langsam das Sandmänchen über mich kommt, überlege ich schon, wo mich das nächste Abenteuer hintreibt.

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Micha auf Heimatbesuch im Musical, 4.7 out of 5 based on 6 ratings