prizeTRAVEL

Auf der Reeperbahn: Micha im Sperrbezirk in Hamburg

Da das beim letzten Mal ja so gut geklappt hat mit der Trennung auf Zeit zwischen meiner mittlerweile gut eingesessenen Couch und mir, dachte ich, machen wir das diese Woche gleich nochmal. Und so hab ich mich für die Tour Reeperbahn Lust und Laster von unser-hh.de angemeldet. Ein Urenkel von Wilhelm Tell auf der sündigsten Meile Deutschlands, das kann ja was werden, aber so lange ich auf keinen Hut zum Grüßen treffe, kann mir nix passieren. In zweieinhalb Stunden werde ich zum Kiez-Experten, hat mir Ansgar heute Morgen im prizeotel Hamburg-City versprochen. Also kann auch aus einem Schweizer ein Experte für etwas anderes als Käse und Geld werden!

Warum das Wetter und ich so auf Kriegsfuß stehen, muss ich an anderer Stelle einmal klären. Vergangene Woche ungemütlicher Regen, diesmal die kälteste Nacht des ganzen Jahres. Aber mich als echten Landjungen kann das ja nicht schocken. Ich ziehe einfach noch was drunter und irgendwo liegt noch ne Meggins (Leggins für Männer) rum. Die hab ich mal geschenkt bekommen. Leichter gesagt als getan, so ein Ding anzuziehen. „Hose an und los geht es“ ist heute nicht. Hat jemand von den Herren, die das hier Lesen, schon mal versucht, ein so gut sitzendes, hautenges Beinkleid anzuziehen? Ich hatte ganz schön zu kämpfen, für Außenstehende könnte bei intensiver Beobachtung dieses Prozesses der Eindruck entstanden sein, ich würde meinen Namen tanzen. Das habe ich ja aber nie gelernt.

Ansgar – durch die weiße Umhängetasche von unser-hamburg.de leicht zu erkennen – und der Rest der Reisegruppe erwarten mich schon sehnsüchtig an der U-Bahn Station St.Pauli. Da ich beim Anziehen ein bisschen länger gekämpft habe, bin ich jetzt ganz schön spät dran. Und während ich mir noch innerlich auf die Schultern klopfe, dass ich es trotzdem geschafft habe, ist die Gruppe auch schon auf der anderen Straßenseite. Das geht ja gut los. Ich wäre auf dem Kiez, wie die Eingeborenen ihn nennen, sicherlich verloren. Aber zum Glück wartet die Gruppe auf mich.

Es geht auf den Spielbudenplatz, vorbei am Stage Operettenhaus. Und was ich da erfahre, ist etwas, was mich doch ein bisschen überrascht. Obwohl man in der Hansestadt keinen Karneval feiert, gibt es in der Boutique Bizarre das ganze Jahr über Tierkostüme zu kaufen. Was machen die dann mit den Pferde- und Schweinemasken. Komisch diese Hanseaten. Während ich mich noch wundere, geht’s weiter vorbei am Schmidt Theater und dem Schmidts Tivoli zur Davidwache. Da kann man – so wird mir gesagt – auch übernachten! Nur lässt das Frühstück anscheinend zu wünschen übrig…das ist dann doch nichts für mich, denn das Frühstück ist ja die wichtigste Mahlzeit des Tages.

Ich lerne außerdem, wo und wann die Damen des horizontalen Gewerbes (wieso eigentlich horizontal? Sind doch alle aufrecht) stehen dürfen, wie es abläuft und was die Aufgabe der Luden (so heißen sie zumindest in Hamburg, vielleicht eher bekannt als Zuhälter) ist. Auch wenn ich mir bei der blumigen Ausschmückung der Jobbeschreibung kurzzeitig überlege umzuschulen, komm ich zum Schluss, dass das auch nichts für mich ist. Ich arbeite einfach ungerne, wenn es dunkel ist.

In der Herbertstrasse überrascht mich die Freundlichkeit der überwiegend weiblichen Bewohnerinnen. Die meisten sind auch zuhause und sitzen am Fenster. Sie winken mir zu und wollen auch ein kleines Schwätzchen halten, dabei bitten sie mich gleich herein in die gute Stube. Ich habe aber keine Zeit für ein Kaffeekränzchen, schießlich bin ich ja auf der Kiez-Führung. Diese Gastfreundschaft kenne ich sonst nur aus südlicheren Gefilden.

kieztour-hamburg-ritze-boxkellerJetzt ist es endlich soweit es wird schmuddelig, ich blicke genau zwischen die gespreizten Schenkel einer Dame! Ein interessanter Blick. Leicht irritiert bin ich, als sich plötzlich in Mitte der Schenkel eine Tür öffnet und ein leicht torkelnder Mann herausplatzt. Lange überlegen kann ich nicht, denn meine Gruppe ist schon durch die Tür. Es geht in die „Ritze„, bzw. in den dortigen Boxkeller. Da hat auch schon die „Creme de la Creme der Boxszene“ trainiert. Ich bin beeindruckt! Trainierende Creme, davon hatte ich bis jetzt noch nie gehört.

Auf der Grossen Freiheit, dem letzten Punkt der Tour, treffe ich die größte Dame der Stadt: Olivia Jones. Sie ist unter anderem die Chefin der „Wilden Jungs“ im gleichnamigen Lokal. Da darf ich aber nicht rein. Obwohl ich ein wirklich, wirklich wilder Junge bin, muss ich vor der Tür warten. Deshalb kann ich auch nicht erzählen, was einem da erwartet. Da ich ziemlich neugierig bin, find ich das ziemlich blöd. Da bin ich froh, dass die Tour vorüber ist. So kann ich mir in Ruhe ausmalen, was ich da wohl verpasst habe. Aber lange kann ich mir darüber keine Gedanken machen, es gibt da noch etwas anderes, was mich beschäftigt: Wir haben auf unserer Reise über den Kiez auch einen Ort besucht, von dem ich mir nie vorgestellt hätte, ihn einmal wirklich zu sehen: Wir haben uns eine Damentoilette angeschaut!

kieztour-hamburg-toilleten

Seither plagt mich folgende Frage. Warum sind die Damentoiletten nach Größen unterteilt? Geht es bei S, M, L und XL um die Menge der abzusondernden Substanz oder um den Umfang der ihre Notdurft verrichtenden Dame. Darüber mach ich mir noch Gedanken, während ich langsam wegschlummere. Zum Glück träume ich in dieser Nacht nicht auch noch davon, sondern von bald kommenden Abenteuern in der Großstadt. Ich hab jetzt „Blut geleckt“ und werde bestimmt bald wieder losziehen.

VN:F [1.9.22_1171]
Abstimmung: 4.6/5 (5 Bewertungen)
Auf der Reeperbahn: Micha im Sperrbezirk in Hamburg, 4.6 out of 5 based on 5 ratings