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Wie kommen die Fernsehköche in mein Wohnzimmer

Erst Regen auf dem Wasser, dann Sibirien auf dem Kiez, das reicht erstmal! Bevor ich diesmal noch einen Sandsturm an der Alster über mich ergehen lassen muss, bleib ich zuhause. Was gibt es einzuwenden, gegen einen Abend mit gepflegter Fernsehunterhaltung auf meiner ach so bequemen Couch? Nix! Hier ist es auch nicht so schwer, sich passend zu kleiden. Rein in meinen Superman-Strampler! Schon als kleiner Steppke hab ich nix lieber getragen, als diese Ganzkörperanzuge. Seit einiger Zeit gibt es diese ja zum Glück auch für große Kinder. Mit ordentlich Schwung eine liegende Position auf dem Sofa eingenommen. Na, dann wollen wir mal schauen was es heute so gibt: Karnevalssitzung hier, schiefsingende Menschen da und auf dem nächsten Kanal, Menschen die in einer Scheune leben! Was kommt als nächstes? Bestimmt noch Menschen, die im Dschungel falsch singen und dabei komische Kostüme tragen. Doch dann entdecke ich etwas interessantes: Eine Kochsendung! Da ich für mein Leben gerne esse, muss ich ja auch sehen, wie andere das zubereiten.

Aus dem Fernseher grinst ein Mann mit einem Riesen-Schnäuzer. Erst denke ich, der NDR hat seine Antje wieder (das Walross, was über Jahre das Sendergesicht war). Aber da er eine Kochjacke trägt, kann es nicht Antje sein. Ach, das ist Horst Lichter! Von dem hab ich schon gehört. Als ich mir so ansehe, wie er mich so ansieht, während ich auf der Couch liege, überlege ich mir, wie das wohl so ist, wenn man im Fernseher sitzt und rausguckt. Aber es mir vorzustellen reicht nicht, ich will da rein und mir das mal ansehen. Aber wie mache ich das bloß, es gibt ja keine Tür an meinen Flimmerkasten und da es ein Flachbildschirm ist, ist da auch nicht wirklich Platz für mich. Ich ruf da jetzt mal an und frage nach, wie ich da rein komme.

Die Dame von „Fernsehmacher“, so heißt die Firma, die die Küchenschlacht produziert, ist voll freundlich und erklärt mir, um ins Fernsehen zu kommen, muss ich ins Studio und aus dem Studio geht’s dann zu mir ins Wohnzimmer. Sie lädt mich ein, mir das mal anzusehen (wer das auch mal möchte, bekommt die Tickets unter www.fernsehmacher-tickets.de). Ich bin dabei, also doch nix mit faulenzen diese Woche. Zum Glück wird die Kochsendung in Hamburg aufgezeichnet, und nicht mal weit weg von mir. Trotzdem muss ich aus meinen Superman-Strampler raus, rein ins Superman-Shirt und eine Jeans. Es gibt ja Regeln, was man im Fernsehen tragen darf. Nix kleinkariertes, was wohl nur für die Kleidung gilt, sonst dürften wohl einige Leute nicht mehr ins Bild. Nix weißes, farbenfroh soll es sein. Kein Problem. Ich bin ja doch eher ein bunter Hund, als ein graues Mäuschen.

Das Studio liegt mitten in Altona, unweit des Bahnhofs in den Phoenix Höfen, das ist das Gelände des ehemaligen Ottenser Eisenwerk. Von außen ein unscheinbares Gebäude. Aber die Tür wird von zwei Türstehern bewacht. Schließlich kommt nicht jeder einfach so ins Fernsehen, aber ich hab ein Ticket und darf passieren. Innen gibt es eine Garderobe und eine Bar, damit man nicht durstig und warm eingepackt zur Aufzeichnung muss. Im Studio selbst wirkt alles viel kleiner, als man es beim Blick in den Fernseher erwartet. Überall Kameras, Scheinwerfer oder Kabel.

Zum Glück werde ich zum Platz begleitet, sonst würde ich bestimmt was runterreissen oder drüber stolpern. Nun geht’s los mit dem Warm-up, oder für alle Deutsch sprechenden mit der Aufwärmphase. Wobei: Warm genug ist mir bei all den Scheinwerfern eigentlich schon. Aber vom Warm-Upper, so heißt der, der das macht, in der Fernsehsprache wirklich (ich kann nix dafür), erhalten wir viele Tipps, damit wir ein gutes Bild abgeben. So erfahre ich, dass ich aufrecht sitzen muss und die ganze Zeit grinsen soll, wie so ein Honigkuchenpferd. Wir üben auch Geräusche die wir machen, wenn jemand etwas probiert. So schallt schnell ein gemeinsames „MMMMMMHHHHHHH“ durch die Reihen. Und das Ganze wird umgesetzt – zum ersten Auftritt von Horst Lichter. Der gibt noch kurze Instruktionen und erklärt uns, dass heute der 01. April ist. Komisch, als ich heute Morgen aufgestanden bin, war es noch Ende Februar. Wie schnell doch die Zeit vergeht, wenn man unterwegs ist. Ach so, das ist eine Aufzeichnung, die am 01. April ausgestrahlt wird? Jetzt hab ich es kapiert, dann kann ich ja sehen, wie ich mich geschlagen habe. Alle andern natürlich auch.

kuechenschlachtEs ist echt anstrengend als Zuschauer. Während der ganzen Zeit muss du konzentriert sein, um im richtigen Moment zu lachen und zu klatschen, darfst nie versucht sein, in der Nase zu popeln, man weiß ja nie, wann die Kamera guckt. Du musst immer den Bauch einziehen, ich will ja nicht fett aussehen im Fernsehen. Es wird die ganze Zeit gekocht und mein Hunger wächst und wächst. Aber man darf nicht einfach aufstehen und probieren. Ich hätte mal die Tüte Chips von zu Hause mitnehmen sollen. Doch die Zeit vergeht eigentlich sehr schnell, die Sendung ist im Kasten, wie das so schön heißt. Und wir dürfen alle aufstehen und mit Pommes-Gabeln aus den Töpfen probieren. Viel ist nicht mehr übrig, als ich mich bis zum ersten Topf durchgeschlagen habe. So erinnerte der erste Ansturm eher an die Fütterung der hungrigen Raubtiere im Zoo, als an ein gesittetetes Publikum.

Also hole ich mir auf dem Heimweg noch einen Döner und während ich herzhaft zubeiße, fällt mir ein, dass ich ganz vergessen habe, rauszuschauen und mir immer noch nicht vorstellen kann, wie meine Couch und mein Wohnzimmer aus der Flimmerkiste wirkt. Egal – vielleicht auch besser so, wer weiß, ob ich mich sonst noch einmal in Unterwäsche vor den Fernseher legen würde.

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